Friedhöfe in Video & Reportage. Ausbeute eines Tages

Père Lachaise, Paris, 2009

Vorgestern, am Samstag, telefonierte ich mit einer Bekannten und fragte sie: Und was macht ihr so? „Zu viel Fernsehen“, antwortete sie. Auch ich habe am Samstag wieder zu viel ferngesehen bzw. Internetvideos geschaut. Und war erstaunt, wieviel Filmmaterial ich zu Bestattungen / Friedhöfen, von privaten Videos hinzu Reportagen, gefunden habe.

Es begann am Morgen mit einem 17-minütigen Video von einer muslimischen Hui-Bestattung in China. Es gibt keine Informationen, wann und von wem das Video aufgenommen wurde. Es ist mit „Bestattung eines alten Hui-Muslim“ (回族穆斯林老人的葬礼) betitelt. Minutenlang sieht man erst einmal die Leichenträger, die auf staubigen Dorfwegen durch eine trockene Landschaft zum bereits ausgehobenen Grab laufen. Ihnen folgen andere Männer, wohl aus der Familie. Die Männer tragen weiße Kappen und dunkle Kleidung, die sehr wahrscheinlich ihre Alltagskleidung ist. Sie gehen sehr schnell. Der in ein weißes Tuch eingewickelte Leichnam wird in die Grube gelassen, erst dann sieht man, dass er nicht in der Grube zur Ruhe gebettet, sondern am Ende der Grube durch ein Erdloch in eine weitere Kammer verbracht wird. Das Erdloch wird mit Steinplatten verschlossen und der Zugang wird mit der zuvor ausgehobenen Erde gefüllt. Dazu erklingen Gebete. Die Leichenkammer ist oberirdisch durch gestapelte und durch Erde zusammengehaltene Steine, die eine leichte Erhöhung bilden, gekennzeichnet. Um das Grab herum sieht man nur Männer, viele sitzen und knien in Gruppen. Frauen sind nicht zu sehen.

In den Abendnachrichten dann Bilder aus Brasilien: Die Zahlen der Corona-Toten sind hoch, aktuell 2000 pro Tag. Gezeigt werden Luftaufnahmen von Gräberreihen, eng beieinander, frisch ausgehoben. Deprimierend.

Frankreich, Paris, Père Lachaise

Am Abend recherchiere ich dann noch für einen Artikel zum Père Lachaise Friedhof in Paris, dem Friedhof mit den meisten touristischen Besuchern: 3,5 Millionen Menschen/Jahr, in „normalen“ Zeiten. Hier ruhen unzählige Persönlichkeiten der französischen und europäischen Kulturgeschichte und darüber hinaus (Ich denke speziell an Jim Morrison, den 1971 in Paris verstorbenen Sänger der DOORS. Ich denke, sein Grab war der Grund, dass ich den Père Lachaise bereits 1983 erstmals besucht habe). Der Père Lachaise bekommt aber bei Gelegenheit noch einen extra Beitrag. Oder mehrere.

Speziell über den Père Lachaise gibt es auf ARTE zwei nette 5 Minuten-Beiträge.

Polen, Warschau, jüdischer Friedhof

Unter dem Schlagwort Friedhof fand ich auf ARTE dann noch einen Beitrag über eine polnische Architektin, die auf der Suche nach geheimen Verstecken in Polen ist, in denen während des 2. Weltkriegs Juden die Verfolgung überlebt haben. Ein Versteck, auf das sie aufgrund von Recherchen in schriftlichen Dokumenten bzw. Erinnerungen gestoßen war, befand sich in einer unterirdischen Kammer auf dem jüdischen Friedhof von Warschau. Einen der Überlebenden, der dieses Versteck genutzt hat, konnte die Architektin, Natalia Romek, 94-jährig in Israel treffen. Im Beitrag wird gesagt, dass es auf dem Jüdischen Friedhof in Warschau heute noch etwa 200.000 Grabsteine gibt.

Jüdischer Friedhof Warschau. 2012

Belgien, Brüssel, kommunaler Friedhof

Die letzte Reportage, die ich mir anschaute – und da war es schon ziemlich spät – brachte mich nach Brüssel. In dem Beitrag wurde gesagt, dass Brüssel in Sachen Multikulturalismus die Nummer zwei in der Welt sei. Das wusste ich nicht. Welches ist denn die erste? New York?

Weil hier (vor allem im Stadtbezirk Molenbeek) viele arabische Muslime leben, die ihre verstorbenen Angehörigen in der Corona-Pandemie nicht wie wohl früher üblich in die Heimat überführen können, hat der einzige konfessionsübergreifende kommunale Friedhof eine außergewöhnlich hohe Zahl an Bestattungen durchzuführen, nämlich 12-15 pro Tag. Um das schaffen zu können, wird der Friedhof von muslimischen Freiwilligen unterstützt. Der Beitrag liefert einen Einblick in muslimische Bestattungsbräuche in einer besonderen Zeit. Die Gräber der Angehörigen, die im Normalfall nicht in Belgien geblieben wären, werden hier künftig an die Pandemie erinnern und vielleicht auch die Bindung der Hinerbliebenen an den Ort verändern. Stärken, denke ich. Und der Multikulturalismus von Brüssel manifestiert sich an diesem Ort noch mal wieder neu. Wobei es interessant wäre, zu wissen, wieviel Prozent älterer Muslime den Wunsch haben, in ihren Heimatländern bestattet zu werden, und ob sich das nun auch über die Pandemie hinaus ändert. Und was geschehen wird, wenn dieser Friedhof mit seinen 6.300 Grabstellen voll sein wird. Wie immer bleiben viele Fragen offen.

Bewegend ist auch die Schlussszene der Reportage. Corona-Tote dürfen nicht aus den Leichensäcken genommen werden, so dass die rituelle Körperwaschung nur symbolisch durchgeführt werden kann.

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