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Japan. Yokohama Foreign General Cemetery

Flugzeug auf grabstein Johannes Elberse Yokohama

Ein Spaziergang über den Ausländerfriedhof in Yokohama belegt, für wie viele Menschen unterschiedlichster Herkunft diese Stadt im „fernen“ Japan einmal Heimat war. Unter ihnen waren vor allem Unternehmer und Händler, aber auch Lehrer, Ingenieure, Missionare, Journalisten und Künstler. Bei den ersten Ausländern, die in Yokohama bestattet wurden, handelte es sich allerdings um US-amerikanische und russische Matrosen.

Die Anfänge des Yokohama Foreign General Cemetery gehen zurück auf die 1850er Jahre. Nachdem Japan sich über 200 Jahre lang nach außen hin weitgehend abgeschottet hatte, legten am 8. Juli 1853 vier US-amerikanische Schiffe unter dem Kommando von Matthew Perry in Yokohama an. Perry überbrachte einen Brief des Präsidenten der Vereinigten Staaten an den Kaiser von Japan, in dem Japan aufgefordert wurde, seine Isolationspolitik aufzugeben. Die Öffnung Japans begann mit dem Vertrag von Kanagawa am 31. März 1854, der unter anderem Hilfe für schiffbrüchige US-amerikanische Seeleute vorsah, gefolgt von einem Handelsabkommen 1858. Auch einige west-europäische Nationen sahen die Handelschancen, die Japan bot, und so entwickelte sich Yokohama schnell von einem Fischerdorf zu einem Handelshafen und später zu einer Millionenmetropole. Die meisten Ausländer lebten im Bezirk Yamate, auch „Bluff“ genannt, in dem sich heute noch der Friedhof befindet.

Links: Blick durch den Zaun auf den Yokohama Foreign General Cemetery. Rechts: Gedenktafel am Eingang, u.a. an die Opfer des Großen Erdbebens vom 1. September 1923. (Fotos: ML)

Der erste ausländische Verstorbene, der in Yokohama bestattet wurde, war der 24-jährige Robert Williams, Marinesoldat auf einer der Fregatten von Admiral Perry. Die japanische Regierung stellte dafür einen Platz mit Blick auf‘s Meer neben dem Zotokuin-Tempel zur Verfügung. Auch wenn das Grab von Williams drei Monate später zu einem anderen Tempel verlegt wurde, war mit ihm doch sozusagen der Grundstein für den heutigen Ausländerfriedhof gelegt.

1859, kurz nach der Eröffnung des Hafens von Yokohama, töteten japanische Nationalisten die russischen Marinesoldaten Roman Mophet und Ivan Sokoloff, deren Gemeinschaftsgrabstelle die älteste bekannte auf dem Ausländerfriedhof ist. Erhalten ist von dem ehemals prächtigen Denkmal heute nur noch der Sockel. In ihrer Nähe wurde auch Charles Richardson bestattet, ein britischer Kaufmann, der am 14. September 1862 von den Eskorten des Feudalherren Satsuma getötet wurde. Dieser sogenannte Namamugi-Vorfall löste den Anglo-Satsuma-Krieg von 1863 aus.

1868 nahm die Meiji-Restauration ihren Anfang, das Shogunat wurde abgeschafft und die Macht des Tenno, also des Kaisers erneuert. Es folgte der Aufbau eines neuen politischen Systems nach westlichen Vorbildern und die bewusste Öffnung Japans nach außen. Um den Staat zu modernisieren, wurden zahlreiche ausländische Experten nach Japan geholt, die teilweise Jahrzehnte dort tätig waren.

Schon 1869 informierte das neue japanische Außenministerium alle Konsulate darüber, dass das Friedhofsgelände wie bisher kostenlos zur Verfügung gestellt würde, die Konsulate aber für die Unterhaltskosten aufkommen sollten. Im Jahr 1870 wurde ein Ausschuss zur Verwaltung des Friedhofs gebildet, der aus Ehrenamtlichen bestand. Am 13. April 1900 wurde das Executive Committee of the Yokohama Foreign General Cemetery als Stiftung registriert, die bis heute existiert.

Zu Beginn hatte es auf dem Friedhof noch keine Unterscheidung zwischen „Ausländern“ und Japanern gegeben, aber bereits 1861 wurden die japanischen Grabstätten umgesiedelt. 1871 wurde an anderer Stelle auch ein eigener chinesischer Friedhof gegründet. 

Am Eingang des Friedhofs, der sich auf 18.500 Quadratmetern über ein hügeliges, dicht bewachsenes Gelände erstreckt, erinnert eine Tafel an das Große Kantō-Erdbeben, das am 1. September 1923 die Stadt Yokohama, aber auch große Teile Tokios, weitgehend zerstörte und über 100.000 Todesopfer forderte. Viele Grabmale der beim Erdbeben zerstörten Gräber wurden gesammelt und an Böschungen aufgestellt, wo sie heute noch zu sehen sind. Zerstört wurden auch die Unterlagen über die Grabstellenbelegung, so dass die heute vorliegenden Information überwiegend nur bis 1923 zurückreichen. Das aktuelle Verzeichnis der Grabstelleninhaber enthält etwa 5.000 Namen und 3.000 Grabsteine.

Grabsteine, die nach dem Erdbeben von 1923 neu arrangiert wurden.

Nach dem Großen Kantō-Erdbeben, das am 1. September 1923 auch den Friedhof zerstörte, wurden die erhaltenen Grabsteine gesammelt und an geeigneten Stellen – wie hier an einem Abhang – bewahrt.

Da die Grabstellen nur einmal bezahlt werden, gibt es keine regelmäßigen Einnahmen. Für den Erhalt und Unterhalt ist der Friedhof auf Spenden angewiesen. Von Februar bis Juli und von September bis Dezember sammelt ein Team von Freiwilligen – engagierte ältere japanische Damen und Herren – an den Wochenenden von 12 bis 16 Uhr einen Obolus von 500 Yen (etwa 3,20 Euro) pro Besucher im Rahmen eines „Open House Days“. Allein das Fällen eines alten Baumes, der gefährlich über den Gräbern hing, hat kürzlich 300.000 Yen (1.800 Euro) gekostet.

Am Eingang befindet sich außerdem ein kleines Museum, dass anhand von historischen Fotografien die Geschichte der ausländischen Besiedlung darstellt und auf Personen verweist, die auf dem Friedhof bestattet wurden. Hier erfährt man zum Beispiel, dass es ab 1863 einen deutschen Club gab. Drei wichtige Mitglieder, H. Ahrens, A.W.C. Weinberger und Konsul Eduard Zappe, wurden alle auf dem Friedhof in Yokohama bestattet.

Links: Grabstelle mit japanischer Pagode. Rechts: Der Australier Henry J. Black (1858-1923) machte in Japan Karriere als Geschichtenerzähler in der Unterhaltungsform Rakugo (komische Monologe).

Ein Arzt aus Weißrussland

Nach den Grabsteininschriften zu urteilen haben auf dem Friedhof sehr viele US-Amerikaner und Engländer ihre letzte Ruhe gefunden. Es gibt aber auch eine Ecke mit jüdischen Gräbern und nicht wenige Grabstellen mit russisch-orthodoxen Kreuzen und kyrillischen Inschriften. Bei meinem Besuch im März 2024 komme ich mit zwei Schwestern ins Gespräch, die gerade das Grab ihrer Eltern pflegen. Sie sind russisch-ukrainischer Abstammung, die Großeltern kamen im Revolutionsjahr 1917 über China nach Japan. Sie zeigen mir auch die Grabstätte von Dr. Eugene Aksenoff, der ein enger Freund der Familie war. Geboren 1924 in Harbin in der Mandschurei (heute Teil der Volksrepublik China) als Sohn weißrussischer Emigranten, kam er im Alter von 18 Jahren nach Japan, um Medizin zu studieren. Als 22-jähriger Student begleitete er seinen Professor viele Male nach Hiroshima, um die gesundheitlichen Folgen der Atombombenabwürfe zu untersuchen. Später gründete Aksenoff, der bis zu seinem Tod staatenlos war, die internationale Klinik im Tokioter Stadtteil Roppongi, wo er noch im Alter von 88 Patienten behandelte – unten ihnen sowohl Sozialfälle als auch Weltstars wie Brad Pitt, Madonna und Michael Jackson. Aksenoff starb 2014.

Familiengrabstelle von Dr. Eugene Aksenoff auf dem Yokohama Foreign Cemetery. 2024

Jüdische Grabmale auf dem Yokohama Foreigner’s Cemetery

Grabstelle von Julius Witkowski (1847-1902) mit Inschrift auf der Grabplatte in hebräischer Schrift.

Britische Matrosengräber aus dem Jahr 1902. Die HMS Blenheim war ein Panzerkreuzer der Royal Navy zwischen 1890 und 1926.

Erinnerungen an deutschsprachige Experten

Wie viele deutschstämmige Menschen ihre letzte Ruhe in Yokohama gefunden haben, ist schwer zu sagen. Die Informationen auf den Grabsteinen nennen meist nur Namen, Lebensdaten und Herkunftsort. Etwas mehr erfahren wir über den Österreicher Professor Leopold Winkler. Auf seinem Grabstein heißt es: „Pionier des Skisports in Japan“. Allerdings hatte er wohl vor allem die Arbeit fortgeführt, die von seinen Landsleuten Egon von Kratzer und Major Theodor von Lerch etwa ab 1910 begonnen worden war. In einer Schrift zu österreichisch-japanischen Ortspartnerschaften (Eva Julien-Kausel, 1993) heißt es, Leopold Winkler habe als Leiter der „Deutschen Vereinigung Tokyo“ in zahlreichen Aufsätzen und durch Skikurse die österreichische Skifahrtechnik in Japan weiter zu verbreiten versucht“.

Professor Leopold Winkler, „Pionier des Skisports in Japan“

Grabstelle von Otto von Fallot-Gmeiner (1845 – 1886) aus Bayern aus dem 19. Jahrhundert.

Was aber hat es zum Beispiel mit diesem Herrn auf sich? Auf dem sehr gepflegten Grabstein lautet die gut lesbare Inschrift in einer leicht irritierenden Mischung von Schrifttypen und -größen: „Zur Liebevollen Erinnerung. Otto von Fallot-Gmeiner, geboren zu Schloss Wildenstein, Bayern, am 13. Mai 1848, gestorben zu Yokohama, am 10. Juli 1886. Die Seelen der Gerechtigkeit sind in Gottes Hand.“ Aufschluss gibt die Website www.meiji-portraits.de, auf der eine Fülle von Details zu Personen gesammelt wurden, die zwischen 1868-1912 in Japan lebten und einen gewissen Einfluss hatten.

Auf der Webseite Meiji-Porträts ist folgendes über Otto von Fallot-Gmeiner zu erfahren:

Er erhielt einen Vertrag der japanischen Regierung, um als Direktor der Pulverfabrik in Tokyo zu arbeiten. Er kam im März 1886 mit seiner Frau und 3 Kindern in Japan an. Am 9. Juli 1886 lud die Schweizer Gemeinschaft von Yokohama zu einem Fest ein, welches ein trauriges Nachspiel hatte. Auf dem Weg nach Hause erlitt Otto von Fallot einen Schlaganfall und er wurde am anderen Morgen tot am Weg gefunden.

Quelle: https://meiji-portraits.de/meiji_portraits_f.html#20090527093244734_1_2_3_29_1

Es scheint, dass seine Witwe mit den Kindern trotz dieses Unglücksfalls in Japan blieb. Das Verwaltungskomitee der Ausländerfriedhofs in Yokohama versucht aktuell, das Grabstellenverzeichnis auf den neusten Stand zu bringen. Man hofft auch, Verwandte und Nachkommen der hier Bestatteten zu finden. Dazu müsste es allerdings eine öffentlich zugängliche Datenbank geben. Wer aber im Rahmen der Ahnenforschung auf Verwandte stößt, die Ende 19. Jahrhunderts in Japan tätig waren, kann versuchen, über die Website www.yfgc-japan.com mit dem Friedhofskomitee Kontakt aufnehmen.

Beachtliche Lebensspannen: Helmut Richard Schulze (1894-1990), seine Frau Kuri (1904-1997), und Sohn Hans.

Etwas mit Musik und Österreich. Was ist geschehen? Das sagt uns die Inschrift nicht.

Zu dem Grabmal für 71 deutsche Offiziere und Soldaten, die ihr Leben „für ihr Vaterland“ gaben heißt es beim Volksbund/Kriegsgräberstätten: „Es handelt sich um Besatzungsmitglieder des Hilfskreuzers Thor und um Angehörige des Trossschiffes Uckermarck, die am 30. November 1942 bei einer Explosion im Hafen von Yokohama ums Leben kamen.“

Links: Hier ruhen 71 deutsche Offiziere und Soldaten aus dem 2. Weltkrieg. Rechts: Obermatrose WIlhlm Simmat, 22-jährig im Lazarett Yokohama verstoben.

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