Lulu Wang: „Farewell“ (2019)

Szene aus dem Film Farewell (2019) von Lilu Wang: Billi und Nainai

Anfang 2020 lief der US-amerikanische Film „Farewell“ von 2019 in deutschen Kinos. Der chinesische Titel des Films lautet 别告诉她 = Sagt es ihr nicht“ und passt eigentlich besser. Thema des Films ist der unterschiedliche Umgang mit dem Sterben in der chinesischen und der westlichen Gesellschaft. Die „westliche“ Position wird von der in New York aufgewachsenen und sozialisierten Billi, einer noch nicht sehr erfolgreicher Schriftstellerin, verkörpert. Die „asiatiatische“ oder chinesische vom Rest der Familie: Billis Eltern, die vor 20 Jahren in die USA ausgewandert sind, ihrem Onkel, der ebenso lange in Japan lebt, der erkrankten Großmutter Nainai in der nordostchinesischen Großstadt Changchun und deren jüngerer Schwester.

Nachdem Billi erfahren hat, dass bei ihrer Großmutter Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert wurde, kann sie nicht nachvollziehen, dass niemand mit der Großmutter über ihren wirklichen Zustand spricht. „Was ist, wenn sie noch was zu erledigen hat? Wenn sie sich verabschieden will?“ fragt sie. Auf der anderen Seite stehen ihre Eltern, ihr Onkel und die jüngere Schwester der Großmutter. „Weißt du, in China glaubt man, das die meisten Menschen nicht am Krebs sterben, sondern an der Angst“, erwidert die Mutter. Und die Großtante: „Was sollte sie zu erledigen haben? Mit ihrem Mann hat sie es doch genauso gemacht und ihm erst ganz am Schluss aufgeklärt.“ Billis Vater sagt einmal, „in den USA wäre das verboten“, wobei er meint, den Patienten nicht aufzuklären, aber auch er ordnet sich dem Familienentschluss unter. Billi fällt es zwar schwer, ihre Trauer zu verbergen, aber auch sie beherrscht sich bis zum Ende ihres Besuches in Changchun bzw. bis zum Ende des FiIms.

Hauptaufhänger der Filmhandlung sind die Vorbereitungen der Hochzeit von Billis Cousin, einem schweigsamen und etwas unreif wirkenden jungen Mann, mit einer Japanerin, die als Grund herhält, warum die Familie überhaupt versammelt ist. Dabei spielt die Nainai die treibende Kraft und auf ihren Wunsch hin wird es ein großes Fest. Es scheint, dass auch Billi in diesen Tagen einen Weg findet, diesen anderen Umgang mit dem Tod zu akzeptieren, als sie sieht, wie froh und energisch ihre Großmutter die Hochzeit vorantreibt. Am Schluss hilft sie selber noch, die Untersuchungsergebnisse zu fälschen.

Die Charakterisierung des Films als „Tragikomödie“ ist für mich nicht nachvollziehbar. Zwar geht es um den erwarteten Tod der Großmutter Nainai und es wird immer mal wieder geweint, aber der Film, der stark biografisch geprägt ist, endet mit der Nachricht, dass Nainai nach der Diagnose noch sechs Jahre lebte (es bleibt unklar, wieso – war die Diagnose von vornherein falsch, hat sie doch eine Bestrahlung bekommen, oder konnte sie den Krebs mit ihren Taiqi-Übungen bekämpfen?). Wir sehen als Zuschauer nichts Unangenehmes, keine unerträglichen Schmerzen, nur ein wenig Husten. Und die Nainai ist so hübsch und gut frisiert wie die Damen, die normalerweise in der chinesischen Werbung für Nahrungsergänzungsmittel zu sehen sind.

Die komischen Momente wiederum sind jene, die den Alltag im gegenwärtigen China ausmachen, wo sich in den vergangenen Jahrzehnten Gewohntes aufgelöst und Neues Einzug gehalten hat und wiederum lokalen Bedingungen und Bedürfnissen angepasst wird. Wenn man das Leben in China kennt, wirkt der Film eher wie ein Dokumentarfilm, denn die Regisseurin hat weder unnötige Komik noch übertriebenen Pathos eingebaut.

Vor der Hochzeitsfeier geht die gesamte Familie einmal zusammen zum Friedhof, um den hier bestatteten Großvater über die bevorstehende Hochzeit zu informieren und um seinen Segen zu bitten. Die Familie als Gruppe von einem Dutzend Personen findet zwischen den eng stehen uniformen Gräberreihen kaum ausreichend Platz. Leicht komische Dialoge begleiten das Darbringen der Opfergaben: „Muss man die Orangen schälen?“ – „Ja klar, sonst kann er sie ja nicht essen.“ Oder: „Eine Zigarette? Opa hatte das Rauchen doch schon lange aufgegeben.“ „Nein, hat er nicht, das hat er dir nur erzählt.“ – „Außerdem ist er schon solange tot, da kann ihm ja nichts mehr passieren.“ Oder Billi: „Soll ich den Schnaps trinken?“ Vater: „Nein, du sollst ihn über dem Grab versprengen.“ – „Die Blumen zerzupfen wir, damit sie nicht geklaut werden.“ Dann tun sich die Familienmitglieder an den Gaben gütlich, verbrennen vergnügt ein paar Papierwaren und zum Schluss spricht die Großmutter zu ihrem Ehemann und bittet ihn um Unterstützung für das verlobte Paar. Mehrmals verbeugen sich alle gemeinsam vor dem Grab.

Der Filmverleih hatte kein Bild von der Friedhofsszene. Mehr zu der Szene und Bilder gibt es in dem Beitrag The Farewell: Anatomy of a Scene auf der Website von Vanity Fair.

Der Film kann eine Anregung sein, über den unterschiedlichen Umgang mit Sterben in verschiedenen Kulturen nachzudenken und sich darüber auszutauschen. Man sollte aus der Geschichte aber auch nicht schließen, dass alle Chinesen und Chinesinnen so handeln. Sowohl mein Schwiegervater als auch meine Schwiegermutter in China wussten, dass sie Krebs hatten. „Meine Mutter war selber Ärztin, wir hätten ihr das nicht verheimlichen können“, sagte mein Mann. Mir ist auch nicht klar, wie man bestimmte Therapien durchführen kann, ohne den Patienten aufzuklären. Und in dem 2020 erschienenen Büchlein „33 Fragen und Antworten. Sterbehilfe“ schreibt der Autor, der Palliativmediziner Matthias Gockel, dass auch in Deutschland oft die Worte fehlen, wenn es ums Sterben geht, und dass „Situationen, die längst als Klischee gelten“, sich immr noch so abspielen: sowohl Patient als auch Anghörige bitten den Arzt / die Ärztin, den / die anderen über den Ernst der Lage im Unklaren zu lassen. („33 Fragen und Antworten. Sterbehilfe„, S.102)

Die wichtige Frage sollte eher sein, WIE man mit PatientInnen über ihre tödliche Krankheit spricht, nicht ob. Wie ich 2020 in einer TV-Dokumentation gesehen habe, beginnt man auch in Deutschland erst allmählich damit, angehende Ärzte innerhalb ihrer Ausbildung darauf vorzubereiten, solche Gespräche empathisch zu führen.

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