Yinchuan: muslimischer Hui-Friedhof I

yinchuan 2010 Moschee und Grabsteine

Ab Mitte der 2000er Jahre begann ich, regelmäßig mit meinem Mann zu seinen Eltern in seine Geburtsstadt Yinchuan zu fahren. Yinchuan ist die Hauptstadt der Autonomen Region der Hui, etwa 1.000 Kilometer westlich von Beijing gelegen. Die Hui sind chinesische Muslime. Yinchuan liegt zwar am Gelben Fluss, aber die Gegend ist eher karg und staubig und von Braun- und Gelbtönen unter einem weiten blauen Himmel dominiert. Da die Freizeitmöglichkeiten sehr begrenzt sind und wie überall in China Gäste immer genötigt werden, viel zu viel essen, regte ich an, ab und zu mal spazieren zu gehen. Mein Man brachte mich in den Süden der Stadt an den Tanglai Kanal. In dieser Gegend hatte er als Kind viel gespielt. Als ich etwa 2006 erstmals hierher kam, war die Umgebung noch ländlich und verwildert, ein angenehmer Gegensatz zur Stadt.

Unser Spazierweg 2009

Der Feldweg selbst war immer weitgehend menschenleer und bis auf Vogelstimmen sehr still. Ab und zu kam mal ein Bauer auf seinem Motorrad oder Traktor dahergetuckert oder ein Schafhirte zog vorbei. Rechts der Kanal, links Brachland und einige landwirtschaftlich erschlossene Flächen.

Ein Fixpunkt auf diesem Weg, den wir in den folgenden Jahren fast bei jedem Besuch einmal entlangliefen, war eine kleine Moschee und daneben ein muslimischer Dorffriedhof. Daran schloss sich eine Moschee an, die aber schon seit Jahren verlassen war. Dahinter lag ein Dorf oder vielleicht eher eine Ansammlung niedriger, einfacher Ziegelbauten. Dort wohnten Bautrupps aus Sichuan, die weder zur Moschee noch zum Friedhof eine Beziehung hatten. Sich der Moschee zu nähern war immer etwas unheimlich, da wir nicht wussten, wer da im Hof untergekommen war, manchmal wurden wir auch von kläffenden Hunden aufgespürt und verfolgt.

Yinchuan 2006
Muslimisches Gräberfeld und Moschee am südlichen Abschnitt des Tanglai Kanals 2006
Tafel des Friedhofs des Dorfes Yangqianshang 1988
Tafel des Friedhofs des Dorfes Yangqianshang / Yinchuan errichtet 1988 (Foto von 2010)
Grabstein für die Mutter Ma Yuxia, gestorben 1992 (aufgenommen 2006)


Mit den Jahren hat sich das Gebiet radikal verändert. Das Brachland wurde erschlossen und zur Baustelle. Wohnsiedlungen sind entstanden – wie in ganz China seit jeher üblich immer mit einer Mauer oder einem Zaun drum herum, sodass es nun schwierig geworden ist, einen Weg zurück zur Straße zu finden. Die medizinische Hochschule hat hier einen neuen Campus errichtet und dazwischen haben sich auch Firmen angesiedelt.
2012 mussten wir feststellen, dass die Grabsteine des Friedhofes verschwunden waren. Nur die Steintafel erinnerte noch an ihn.

2012 sind die die Grabsteine verschwunden, nur der Stein, der den Friedhof kennzeichnet, ist noch da.


Im Mai 2013 war der Feldweg von Baumaschinen aufgerissen worden und so sumpfig vom Regen, dass er nicht zum Spazieren einlud. Rechts und links machten sich verschiedene Arbeitstrupps zu schaffen. Die einen pflasterten den Weg und befestigten das Kanalufer, welches die gleichen weißen Mamorgeländer schmücken würden, die man in jedem neu angelegten Park in China sieht. Um die ehemalige Moschee, die erstaunlicherweise immer noch stand, wenn auch komplett zugemauert, sodass man den müllübersäten Hof nicht mehr betreten konnte, wurden neue Bäume gepflanzt und bewässert. Dahinter erhob sich ein Wald von Baukränen und massiven Hochhäusern in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung. Am Kanal entstand ein öffentlicher Park. Die Gedenktafel fanden wir nicht mehr. Einer der Arbeiter meinte, die Gräber seien in die Berge nicht allzu weit von Yinchuan umgebettet worden.

2013: Die Grabstellen sind verschwunden, im Hintergrund wachsen Hochhäuser.

Mehr zum Thema:
No Room for the Dead. On Grave Relocation in Contemporary China
Der Autor, Thomas S. Mullaney, ist Professor für chinesische Geschichte an der Stanford University. In seinem Beitrag auf der Website „Chinese Deathscape“, die mittels einer Datenbank und einer Karte die Umsiedlungen von Gräbern in der VR China visualisiert, beschreibt Mullaney viele Aspekte der Umsiedlungen der letzten Jahrzehnte.

The history of grave relocation is complex, as evidenced by the myriad motives for digging up and moving human remains: such as to make space for dam and hydroelectric projects, highways, schools, railway lines, or coal mining operations. Corpses have also been moved for the purposes of real estate development and tourism. In a peculiar irony, some have been moved in order to free up space for other corpses: that is, for the purpose of building new and “modern” cemeteries to receive the cremated remains of corpses once buried in other parts of the country.

aus Thomas Mullaney: No Room for the Dead. On Grave Relocation in Contemporary China

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