Myanmar. Yangon. Rangoon War Cemetery

Rangon War Cemetery, Yangon, Myanmar 2016

Nach dem das Militär am 1. Februar 2021 die gewählte Regierung mit einem Militärputsch gestürzt hat, ist Myanmar nun täglich in den Medien und die Nachrichten werden immer beängstigender. Wie zu erwarten war, gibt es wieder Tote, da das Militär und die Polizei scharf auf die weitgehend unbewaffneten und kaum geschützten Demonstranten schießen. Die NZZ meldete am 6. März 50 Tote. Die erste war eine 19-jährige Studentin. Trotz der realen Lebensgefahr gehen die meist jungen Leute weiter auf die Straße und protestieren.

Wenn ich die Bilder von Yangon und Mandalay sehe, erkenne ich manche Ecken und muss an meine früheren Besuche in Myanmar denken. Zwischen 2005 und 2017 war ich fünfmal dort, jeweils ca. zwei Wochen lang. 2016 habe ich an der School of Oriental and African Studies SOAS in London drei Monate lang bei Prof. Justin Watkins Burmesisch (Bama zaga) gelernt und die Sprachkenntnisse im Frühjahr 2017 in Yangon aufgefrischt. Die von der SOAS veranstalteten Kurse fanden am Institut Francais an der Pyay Road statt, ein paar Kilometer nördlich vom Zentrum in der Sanchaung Township. Ich wohnte auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Liberty Hotel, welches eigentlich eine Baustelle war, bzw. direkt neben einer Baustelle zu seiner Erweiterung lag. Weil es außerdem häufig regnete, verschwand die Auffahrt zum Hotel ziemlich oft unter Wasser und Schlamm und ich musste über Bretter balancieren. Es gab kaum andere Gäste und der einzige Grund, warum ich es dort aushielt, war, dass im Zimmer neben mir Dr. hon. John Okell untergebracht war. John Okell war einer unserer Dozenten, er hatte in den 1960ern Burmesisch gelernt, und wir lernten mit dem von ihm entwickelten Unterrichtsmaterial. Er war damals bereits 83 Jahre alt und überaus freundlich und bescheiden, eben ein typischer englischer Gentleman. Um diesen Post zu schreiben, habe ich gerade nach ihm gegoogelt und musste leider erfahren, dass er im letzten August verstorben ist. Die Nachricht machte mich traurig. In einem Nachruf bei Frontiermyanmar wird er als „the gentle giant of Burmese teaching“ bezeichnet.

Und nach dieser kleinen Vorgeschichte nun zum Friedhof, der im Übrigen kein typischer burmesischer Friedhof für normale Leute war, sondern ein Soldatenfriedhof mit Bezug zu einer spezifischen historischen Periode. Einen „normalen“ zivilen Friedhof habe ich, glaube ich, in Myanmar nie gesehen, obwohl es ja welche geben muss.

Als ich mich mit der Umgebung um das Liberty Hotel vertraut machte, entdeckte ich auf dem Stadtplan, dass sich nördlich des Hotels in Spazierdistanz ein Friedhof befand, der Rangoon War Cemetery. Er liegt ziemlich versteckt: Von der Pyay Road, die eine viel befahrene Schnellstraße ist, kann man seine Existenz nicht einmal erahnen, sondern muss erst in eine unscheinbare Wohnstraße einbiegen.

Wie die Fotos zeigen, war er äußerst gepflegt.

Auf der Website der Commonwealth War Graves Commission, auf der es auch einen Plan des Rangoon War Cemeteries gibt, heißt es, dass das Gelände ab Mai 1945 für Bestattungen genutzt wurde, nach dem Yangon (damals Rangoon) von den Japanern zurückerobert worden war. Später wurden Gräber von verschiedenen anderen Grabstätten in und um Yangon, sowie von Menschen, die als Kriegsgefangene im Gefängnis gestorben waren, hierher umgesiedelt. Heute liegen auf dem Friedhof 1,381 Soldaten des Commonwealth aus dem 2. Weltkrieg und 26 Gefallene aus dem 1. Weltkrieg.

Am Eingang des Friedhofs liegt ein Verzeichnis aus, welches in alphabetischer Reihenfolge die Namen, Funktion, Armeezugehörigkeit, Todesdatum, Alter und – wenn bekannt – die Namen der Eltern der hier Bestatteten und ihren Heimatort nennt. Ich habe damals nur zwei Seiten zufällig abfotografiert. Unter „A“ finden sich mehrere Ahmads aus Pakistan, unter „L“ Leach, 3 x Lee, Leinster und Leivers, aus Liverpool, Schottland und Yorkshire. Den Toten gemeinsam ist, dass sie zumeist in ihren 20ern waren. In einem Artikel in der Myanmar Times vom 7. August 2020 werden weitere Nationalitäten genannt: Indien, Afghanistan, Neuseeland, Australien, und Kanada, aber erstaunlicherweise wohl auch Japaner. Außerdem sind die großen Religionen hier versammelt: Christen Muslime, Juden, Buddhisten, Sikhs. Der Artikel betont vor allem die Erinnerungsfunktion des Friedhofes in Zeiten von Corona. Aber woran wird hier eigentlich erinnert?

Das koloniale Burma

Die Briten hatten Burma im 19. Jahrhundert Schritt für Schritt kolonialisiert, genauer gesagt in drei Kriegen, und waren 1885 in Mandalay einmarschiert. Der herrschende König Thibaw wurde ins indische Exil verschickt, wo er 30 Jahre später starb. Ab dem 1. Januar 1986 war Burma Teil von British India. Während die Briten den im Norden des heutigen Burmas lebenden Ethnien weitgehende Autonomie gewährten, förderten sie im Kernland die Immigration von Indern und Chinesen (der Reiseführer Lonely Planet schreibt, dass 1927 die Mehrheit der Bevölkerung Yangons indisch war), und marginalisierten die Burmesen im eigenen Land zunehmend. In den 1920ern formierten sich Kräfte, die die nationale Unabhängigkeit anstrebten und denen es gelang, der britischen Kolonialverwaltung einige Zugeständnisse abzuringen, aber nicht genug. So wandte sich die Unabhängigkeitsbewegung unter Führung von General Aung San, dem Vater von Aung San Suu Kyi, an die Japaner. Diese als „Thirty Comrades“ bekannte Gruppe erhielt eine militärische Ausbildung auf der Insel Hainan und kehrte zusammen mit der japanischen Armee Ende 1941 nach Burma zurück. Die Ernüchterung, dass es unter den Japanern auch keine echte Freiheit und Unabhängigkeit gab, kam bald, und so wechselten Aung San und seine Verbündeten 1945 die Seiten und unterstützen die Briten im Kampf gegen Japan. Nach der Niederlage Japans am 4. August nahmen die Briten ihre Rolle als Kolonialmacht zunächst wieder ein, worauf die Burmesen mit gewaltlosem Widerstand reagierten. 1947 fuhr Aung San nach London, um mit einer Labour Regierung unter Clement Attlee über die Unabhängigkeit Burmas zu verhandeln, bzw. diese zu fordern und zu unterzeichnen. Die Unabhängigkeit Burmas folgte am 4. Januar 1948.

Dies ist nur eine oberflächliche Zusammenfassung eines kleinen Ausschnitts aus der hochkomplexen burmesischen Geschichte (weitgehend nach Peter Popham: „The Lady and the Peacock. The Life of Aung San Su Kyi“, Rider 2011), die in Zusammenhang mit diesem Friedhof steht. Offensichtlich tritt auf dem Rangoon War Cemetery die Rolle der Briten als Kolonialisten hinter ihre Rolle als Befreier von der japanischen Besetzung zurück.

Der Artikel über den Rangoon War Cemetery in der Myanmar Times wurde im August 2020 veröffentlicht und wollte Trost in Corona-Zeiten geben. Wenn man auf die Ereignisse des vergangenen Monats schaut, kann man manche Zeilen jetzt aber auch ganz anders lesen: „… the place is a reminder of our turbulent global history – just 80 years ago, when millions were fighting for freedom.“ Aktuell geht es ja wieder um die Freiheit. Und um Leben und Tod.

PS.: Auf Youtube gibt es ein ziemlich neues Video zu dem Rangoon War Cemetery von Prasun Barua vom Dezember 2020, welches allerdings vor allem die Umgebung zeigt, da der Friedhof wegen Corona geschlossen war.

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