Zhang Jie: „Abschied von der Mutter“

In „Abschied von der Mutter“ schreibt die Autorin, eine Pekinger Intellektuelle und Schriftstellerin, über die letzten drei Monate mit ihrer 80-jährigen Mutter im Jahr 1991.

Der Hauptstrang der Handlung beginnt mit dem Satz „Ende Juli 1991 wurde Mutter auf einmal richtig alt“ und endet mit ihrem Tod drei Monate später, Ende Oktober. Unterbrochen wird die Handlung von zahlreichen Rückblicken in die jüngere Vergangenheit und in die Kindheit der Autorin. Vor allem letztere dienen dazu, den Charakter und das Verhalten der Mutter zu erklären. Offensichtlich wuchs die Autorin ohne Vater auf und ihre Mutter hatte es als alleinerziehende Mutter alles andere als leicht. Es heißt mehrmals, sie sei auf Almosen anderer angewiesen gewesen, ohne dass die Umstände konkret benannt würden. Später unterstützte sie dann ihre (geschiedene) Tochter und die Enkelin. Sie ist also aus Gewohnheit sehr genügsam, was ihre Tochter ihr immer vorwirft, da sie es nicht annehmen kann, wenn diese ihr etwas Gutes tun möchte. Die Autorin selbst ist inzwischen eine erfolgreiche Schriftstellerin Mitte 50, die sich aber zwischen ihrem Beruf, damit verbundenen Auslandsreisen, den Ansprüchen ihres „Gatten“ und der Sorge um die Mutter aufreibt.

Bei der Mutter wird bereits im Februar 1991 ein Hirntumor entdeckt, erst Ende August folgt ein MRT, wonach ein Arzt empfiehlt, den Tumor operativ zu entfernen. Ein anderer Arzt prognostiziert, dass die Mutter an Demenz erkranken und unabhängig von dem Tumor sicher bald immer mehr Fähigkeiten verlieren und irgendwann selbst ihre Angehörigen nicht mehr erkennen werde. Die Beschreibung der Krankenhaussituationen sind „typisch Chinesisch“ und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass vieles auch dreißig Jahre später nicht viel anders ist: Man benötigt Beziehungen, um an gute Ärzte und gegebenenfalls sogar ein Bett heranzukommen (vor allem natürlich an ein Einzelzimmer), die Versorgung des Patienten im Krankenhaus ist nicht gewährleistet, entweder springen die Angehörigen ein oder sie müssen eine Pflegekraft anstellen und bezahlen. Auch die Szenen, wie die Ich-Erzählerin alleine das Krankenbett mit ihrer Mutter zum OP-Raum schiebt (der Angehörige eines anderen Patienten hilft ihr) oder wie sie ihre Mutter alleine in die CT-Röhre bugsieren muss, während der Arzt untätig daneben steht, habe ich selbst so ähnlich erlebt.

Aber vor allem: Nicht der Patient oder die Patientin entscheidet über die Therapie, sondern Angehörige, also meist Tochter oder Sohn. Als die Tochter abwägt, ob sie der OP zustimmen soll, fragen die Ärzte, ob sie sich mit niemandem beraten könne. Nur mit meiner Mutter antwortet sie und der Arzt sagt tadelnd: „Aber Sie können doch nicht mit der Patientin darüber reden.“

Letztlich ist das eine Fehleinschätzung, denn die Tochter findet später in Gesprächen und aus Briefen ihrer Mutter an die geliebte Enkelin, die in den USA Lebt, heraus, dass ihre Mutter schon ein Jahr zuvor begonnen hatte, ihre letzten Dinge zu regeln. Ein Dreivierteljahr vor ihrem Tod schreibt sie an die Enkelin: „Wenn ich sterbe, komm auf keinen Fall zurück, du kannst mich auch nicht wieder lebendig machen.“ Auch gegenüber ihrer Tochter hat sie versucht, ihren bevorstehenden Tod anzusprechen, aber weil diese abwehrend oder beschwichtigend reagiert, gibt sie mehr oder weniger auf. Beide Frauen sind überzeugt, sie könnten der anderen die Realität nicht zumuten.

Im September und Oktober verbringt die Mutter vor und nach der Operation, die sie eigentlich gut übersteht, etwa sieben Wochen im Krankenhaus. Erschwert wird die Situation dadurch, dass die Erzählerin gleichzeitig ihre alte Wohnung, in der sie mit der Mutter gewohnt hatte, aufgelöst hat und die Renovierung der neuen überwachen muss. Als ihre Mutter entlassen wird, ist die neue Wohnung noch nicht fertig, und sie wird im Wohnzimmer des „Gatten“ untergebracht. Die Beziehung zwischen der Ich-Erzählerin und ihrem Gatten wirkt auf den Leser ziemlich distanziert, er scheint seiner Frau wenig praktische und keine emotionale Unterstützung zu bieten.

Während ihrer letzten Lebenstage wird die Mutter von ihrer Tochter getriezt, da diese meint, sie müsse ihre Mutter unbedingt antreiben, sich körperlich und geistig nicht gehen zu lassen. Da sie ja im Wohnzimmer auf dem Sofa schläft, fühlt die Mutter sich bemüßigt, morgens ihr Bettzeug wegzuräumen und den Tag auf dem Sofa sitzend zu verbringen. Die Beschreibung der letzten Tage ging mir beim Lesen besonders nahe. Hätte ihr Umfeld sich auf die reale Situation, den bevorstehenden Tod, einstellen und sie akzeptieren können, hätte man der alten Dame vieles erleichtern können.

Andererseits legt die Ich-Erzählerin/Tochter/Autorin ihre widersprüchlichen Gefühle schonungslos offen und so ist ihr Verhalten nachvollziehbar, auch wenn man sich manchmal wünschte, sie hätte anders gehandelt. Es gibt aber auch Momente der Nähe und Zärtlichkeit. Nach dem Dahinscheiden ihrer Mutter, das morgens gegen 5 Uhr entdeckt und kurz darauf von eintreffenden Notärzten bestätigt wird, bleibt der Tochter nur wenig Zeit, Abschied zu nehmen. Das Hausmädchen vom Land ist ihr dabei die größte Hilfe, da sie sich mit Bestattungen auskennt. Da eine Aufbahrung im Wohnzimmer des „Gatten“ nicht möglich ist, wird der Leichnam bereits wenige Stunden später abgeholt und ins Krematorium gebracht.

Zhang Jie hat ihre Trauer literarisch verarbeitet und damit vielleicht dazu beigetragen, dass Thema Tod ein wenig aus der Tabuzone zu holen. Der Alltag in Beijing ist seit Anfang der 1990er Jahre erheblich einfacher geworden, vor allem was den Verkehr angeht. Für den immer noch schwierigen Umgang mit dem Sterben im gegenwärtigen China aber mag das folgende Zitat des Mediziners Shi Baoxian vom 1988 gegründeten Hospice Care Research Center der Medizinischen Hochschule Tianjin von 2015 stehen:

Die Hospizpflege entwickelt sich nur langsam, weil es generell an Wissen und Bildung zum Tod mangelt.“
Lien Foundation / Economist Intelligence Unit: „Quality of Death Index 2015

Die chinesische Originalausgabe von „Der Abschied von der Mutter“ ist 1994 in Hongkong erschienen. Die deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Eva Müller erschien 2000 im Unionsverlag Zürich. 2009 wurde das Buch dort neu aufgelegt.


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