VR China: Märtyrerfriedhöfe

Am 1. Juli 2021 begeht die Kommunistische Partei Chinas, die seit 71 Jahren die Regierungsmacht inne hat, ihren 100. Gründungstag. Zu ihrer Entstehung und Geschichte erscheinen derzeit viele Beiträge, wie z. B. dieser Essay in der NZZ „Wie Chinas Kommunisten zur mächtigsten Partei der Welt wurden – und es blieben“ von Thoralf Klein in der NZZ (12.06.2021).

Der Jahrestag wird auf vielfältige Weise und an vielen Orten begangen, und man kann davon ausgehen, dass sich keine Organisation und kaum ein Einwohner den zahlreichen Veranstaltungen und der Medienkampagne entziehen können wird.

Obwohl Friedhöfe in China normalerweise eher tabu-besetzte Orte sind, an denen Geister oder zumindest „negatives Qi“ vermutet werden, so wird ein Teil der Feierlichkeiten ganz sicher auf Märtyrerfriedhöfen (lieshi lingyuan, 烈士陵园) stattfinden. Wenn ich allerdings in Deutschland auf die chinesischen Märtyrerfriedhöfe zu sprechen komme, stößt das oft auf Irritationen, weil „Märtyrer“ in Europa vor allem aus dem christlich-religiösen Kontext bekannt sind. Die Frage, die dann gestellt wird, ist: „Was sind denn das für Märtyrer?“

Im Narrativ der Volksrepublik waren Märtyrer zunächst vor allem jene Toten, die in den „revolutionären Kämpfen“ gefallenen sind, die die Staatsgründung von 1949 möglich gemacht hatten. Aber: Das formalisierte Gedenken an Märtyrer war nicht neu. Schon die Nationale Volkspartei, die Guomindang, die im Jahr 1912 die erste Republik Chinas begründet hatte, erinnerte in der Republikzeit (1912-1949) an gefallene Soldaten. Zwischen 1937 und 1949 forderte sie im Rahmen einer „Kampagne zum Bau lokaler Märtyrerschreine“ alle Städte und Kommunen dazu auf, entsprechende Gedenkorte zu etablieren. (Siehe dazu: Vu, Linh Dam: „The Sovereignty of the War Dead: Martyrs, Memorials, and the Makings of Modern China“ 1912-1949. Dissertation, University of California, Berkeley, 2017.)

Einen Märtyrerfriedhof gibt es praktisch in jeder chinesischen Stadt, egal wie klein oder groß sie ist. Die Gesamtzahl dürfte in die Tausende gehen. Die offizielle Website http://www.chinamartyrs.gov.cn nennt 277 Anlagen zum Gedenken an Märtyrer mit Anerkennung auf nationaler Ebene und 483 auf Provinzebene. Die genannten Gründungsjahre für die Anlagen gehen (mit einigen Ausnahmen vor 1949) von den 1950ern bis in die Zehner Jahre des 21. Jahrhunderts.

Zwischen 2018 und Anfang 2020 habe ich einige besucht und dabei viele Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede gefunden. In Hangzhou ist der 1961 entstandene Hangzhou Revolutionary Martyrs Cemetery Teil des großen und schönen Nanshan Friedhofs und wurde Ende 2018 gerade renoviert. In Wuhan liegt der Jiufeng Revolutionary Martyrs Cemetery (Gründungsdatum 1956) ziemlich weit außerhalb und war an einem diesigen Nachmittag im Januar 2019 menschenleer. Der Taiyuan Shuangta Martyr’s Cemetery in Shanxi war 2018 geöffnet (im März, kurz vor den Qingming-Aktivitäten), ein Jahr später aber nicht zugänglich. In Xiangyang (Provinz Hubei) ist der Xiangyang Cemetery of Revolutionary Martyrs ein öffentlicher Park, der an einem Samstagnachmittag im Januar gut besucht war. Wie an der Gestaltung der Grabmale zu erkennen war, stammten sie aus mehreren Epochen (ca. 1960er Jahre bis heute) und machten so die Entwicklung der Ästhetik und Darstellungsformen deutlich. In Yinchuan waren die Erneuerungsarbeiten etwa 2018 schon abgeschlossen, wie es vorher aussah, war nur noch auf einigen ausgestellten Fotos zu sehen. In manchen Kleinstätten im Südosten (Longquan, Dehua) handelte es sich um eher kleine, parkähnliche Anlagen, die etwas vernachlässigt wirkten.

Bilder und Informationen zu den einzelnen Märtyrerfriedhöfen in der VR China, die ich selbst besucht habe, werde ich nach und nach und dem Menüpunkt BILDER einstellen.

Neben Grabstätten ist der zentrale Punkt der meisten Märtyrerfriedhöfe eine hohe Säule, die meistens an einem erhöhten Platz steht und über viele Treppenstufen zu erreichen ist. Fast ausnahmslos trägt sie den Spruch „Der Ruhm der revolutionären Märtyrer wird nie vergehen – Geming lieshi yongchui buxiu“. Außerdem gibt es häufig in Stein geschnitzte Reliefs mit stilisierten Szenen aus dem revolutionären Kampf.

Hier geht es zu einer Auswahl an FOTOS von Säulen und Reliefs.

Märtyrerfriedhöfe haben verschiedene Funktionen: Sie sind Orte des kollektiven und individuellen Gedenkens,  Bildungs- und Erziehungsstätten, aber auch lokale touristische Ziele. Sie sind wahlweise patriotische Erziehungsstätten (auf Provinz- oder Stadtebene, oder sogar national), Demonstrationszonen zur Tugendbildung, Erziehungsstätten für die Landesverteidigung oder zur Parteigeschichte. Dieses „Labeling“ ist auf die Anfang der 1990er angeschobene „Patriotische Erziehungskampagne“ zurückzuführen, in deren Bugwelle viele solche „Basen“ geschaffen wurden, und die dann zehn Jahre später (2005) von der Welle des „Roten Tourismus“, die education mit entertainment verband, weiter getragen wurde. Das Vorhandensein von Orten mit historischer revolutionärer, also „roter“ Bedeutung war für viele Städte und Gemeinden also auch ein Wirtschaftsfaktor, den es zu nutzen galt. Daher gibt es auf dem Gelände der Friedhöfe häufig Ausstellungen, die anhand von Fotos, Texten und Gegenständen Geschichten und Hintergrundwissen über ortsspezifische Ereignisse und Persönlichkeiten liefern.

Während ich auf den meisten Märtyrerfriedhöfen nur die Spuren ihrer Nutzung sah – z. B. Fotos in Schaukästen, die Besuche von Schülern, Soldaten und diversen Organisationen dokumentierten – konnte ich an einem sonnigen Sonntag im April 2019 in Zhengzhou ein abwechslungsreiches Programm erleben: Innerhalb weniger Stunden kamen Abordnungen von Firmen und Gruppen von Berufsschülern, Studenten und sogar Kindergartenkinder mit ihren Betreuerinnen, um Blumen und Kränze abzulegen, Reden und Schweigeminuten zu halten und die Nationalhymne zu singen. Auch einige betagte Mitglieder der „Truppe zur Verbreitung der Mao Zedong-Gedanken“ („Vertreter der Arbeiter- und Bauernmassen“, so stand es auf einem Transparent) ließen sich mit Porträts des großen Vorsitzenden fotografieren und verteilten Kalender mit seinem Abbild. Später tauchten ein paar ebenfalls ziemlich betagte, ordenbehängte Männer (und eine Frau) in Armeeuniform auf, die für Fotos (und Gespräche) bereitstanden, und deren Orden von Pre-Teenager-Jungs bewundert wurden. Eine andere Attraktion für die Jungs war ein Garten mit Panzern, Flugzeugen und anderem historischen Kriegsgerät.

Neben den Wochen um das Totengedenkfest Qingming Anfang April gibt es noch weitere Daten, die sich für offizielle Gedenkaktivitäten eignen: der Jahrestag der 4. Mai-Bewegung, der Gründungstag der KPCh am 1. Juli und der Nationalfeiertag am 1. Oktober. Im Jahr 2014 wurde der 30. September zum neuen offiziellen, landesweiten Gedenktag der Märtyrer bestimmt und die Zeitspanne für zur ehrende Märtyrer weit in die Vergangenheit erweitert. Die South China Morning Post schrieb dazu am selben Tag: „Der Nationale Volkskongress hatte die Schaffung des Märtyrergedenktages  im August bekannt gegeben. Geehrt werden jene, die im Dienst um die Nation gestorben sind, beginnend mit dem ersten Opiumkrieg 1840 und auch Guomingdang-Offiziere, die im zweiten chinesisch-japanischen Krieg gefallen sind.“ Gleichzeitig wurden die finanziellen Zuwendungen für verletzte Soldaten und die Familien von Märtyrern angehoben. Auch die New York Times berichtete darüber: In Creating ‘Martyrs’ Day,’ China Promotes a Vision of the Past.

Ein Märtyrerfriedhof ist aber nicht ausschließlich ein Ort, wo offizielle Gedenkveranstaltungen und Bildungsaktivitäten stattfinden. Er wird auch von Angehörigen der Toten für ihre individuellen Gedenk-und Traueraktivitäten besucht. In einer Masterarbeit zum Taiyuan Shuangta Martyr’s Cemetery nannte der Autor Wang Honghai zu meinem Erstaunen auch zwei Tage aus dem Bauernkalender, bzw. mit buddhistisch-volksreligiösen Hintergrund:  den 15.7. (Tag der hungrigen Geister) und den 1.10. (Hanyijie) als Tage, wo besonders viele Besucher auf den Märtyrerfriedhof kämen und dadurch Verkehrstaus verursachen. Vielleicht ist das aber auch gar nicht erstaunlich, wenn man liest, wie der Sinologe Prof. Dr. Kai Vogelsang von der Universität Hamburg in seinem Werk „Geschichte Chinas“ den Exkurs zu Aberglauben beendet: „Dieser ‚feudale Aberglauben‘ ist der basso contunuo der chinesischen Kultur. Die rationalen Diskurse des Konfuzianismus und des ‚wissenschaftlichen‘ Sozialismus haben ihn oft übertönt, aber nie zum Schweigen gebracht.“ Ich habe jedenfalls an vielen Gräbern auf Märtyrerfriedhöfen Spuren von „feudalem Aberglauben“ entdeckt, wie Opfergaben (Nahrungsmittel, Zigaretten Schnaps) oder Blechtonnen zum Verbrennen von Papier- bzw. Geistergeld, selbst wenn es gleichzeitig Tafeln gab, die das Verbrennen desselben verboten.  

Zur Geschichte der Märtyrerfriedhöfe

Den Anstoß für die künftige Bedeutung der „roten“ Märtyrer und ihre staatlich gelenkte Verehrung gab eine Eulogie Mao Zedongs für einen gewissen Zhang Side im Jahr 1944. Zhang Side stammte aus einer armen Bauernfamilie, hatte am Langen Marsch teilgenommen und war Maos persönlicher Wächter gewesen. Mit nur 29 Jahren starb er am 5. September 1944 bei einem Unfall. Unter dem Titel „Dem Volke dienen“ schrieb Mao:

„Alle Menschen müssen sterben, aber der Tod kann unterschiedliches Gewicht haben. Schon der alte chinesische Schreiber Sima Qian hat gesagt: ‚Der Tod kann so schwer sein wie der Berg Tai oder so leicht wie eine Feder…‘ Von nun an sollten wir, wenn immer jemand aus unseren Reihen, sei er Koch oder Soldat, der etwas Nützliches geleistet hat, stirbt, zu seiner Ehre eine Beerdigung und eine Gedenkzeremonie abhalten. Das sollte zur Regel werden, und auch im Volk so verbreitet werden. Wenn jemand auf dem Dorf stirbt, soll eine Gedenkzeremonie stattfinden. So drücken wir unserer Trauer um die Toten aus und vereinigen alle Menschen.“

Zitiert und aus dem Englischen übersetzt nach Hung, Chang-tai: „The Cult of the Red Martyr: Politics of Commemoration in China”, in: Journal of Contemporary History, Vol 43(2) 2008, S. 279–304. S. 279.

Laut Chang-tai Hung, Professor an der Universität Hongkong, entwickelte sich in den 1950er Jahren ein „Kult um den roten Märtyrer“. Im Kampf gegen Japan und im nachfolgenden Bürgerkrieg waren rund zwei Millionen Soldaten verwundet worden oder umgekommen. Mithilfe des Märtyrerkultes, zahlreicher Gedenkveranstaltungen und dem Bau von Denkmälern und Friedhöfen, schreibt Hung, konnten mehrere Ziele verfolgt werden: die Aufmerksamkeit von den Zerstörungen des Krieges ablenken; den bewaffneten Kampf gegen Feinde legitimieren; die Hinterbliebenen trösten und ihnen über ihren Verlust hinweg helfen; kollektive psychische Wunden heilen; und mit den Worten Zhou Enlais: „der Toten gedenken, um die Lebenden zu inspirieren“.

Bis 1963 waren im ganzen Land 5.834 Gedenkstätten aller Art inklusive Friedhöfen entstanden. Ab etwa 1962 soll es üblich geworden sein, am Qingming-Fest Schüler zu mobilisieren, auf dem Babaoshan und anderen Revolutionsfriedhöfen Gräber zu putzen. (Siehe Leutner, Mechthild: Geburt, Heirat und Tod in Peking: Volkskultur und Elitekultur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Berlin 1989, S. 310). Das Gräberputzen war im Rahmen der Sozialistischen Erziehungskampagne von 1962 bis 1966 eine von vielen Maßnahmen, um den Geist der Revolution und die Erinnerung an die erbrachten Opfer am Leben zu erhalten.

In den ersten Jahrzehnten der Volksrepublik war der Märtyrerkult ein sehr lebendiger, der über viele Medien verbreitet wurde, wie Film, Theater und Bilderheftchen für Kinder. Die Hauptfiguren hatten noch direkt mit dem Kampf um die Macht vor 1949 zu tun. Da die Märtyrerfriedhöfe (und der Märtyrerkult) aber auch heute noch gepflegt, renoviert und für politische Bildungszwecke genutzt werden,  drängte sich mir die Frage nach aktuellen Helden auf. Wer hat heutzutage das Recht und die Ehre, hier begraben zu werden? Häufig sind es Armeeangehörige oder Polizisten, die im Dienst gestorben sind, sei es bei Unfällen oder im Kampf gegen Kriminelle. Das Ministerium für öffentliche Sicherheit hat sogar ein Verzeichnis aller Märtyrer aus dem Polizeidienst von 1949 bis 2000 veröffentlicht, welches ich zum Preis von etwa einem Euro gebraucht erworben habe.

Ob man die Rolle der Märtyrerfriedhöfe überall gleich ernst nimmt, weiß ich nicht. In einer kleinen Stadt in Fujian besuchten wir einen sehr einfachen, unbewachten Märtyrerfriedhof, der nach meiner Erinnerung nur ein einziges Grab aufwies. Es war eher ein verwunschener Park mit üppigem Grün und verschlungenen Pfaden und am Samstagnachmittag menschenleer. Als wir die lange Treppe zum Ausgang hinabstiegen, kam uns eine Gruppe Kinder unterschiedlichen Alters entgegen. „Wo wollt ich denn hin?“, fragte ich. „Wir gehen spielen“, antwortete ein größerer Junge, und „Wir gehen spazieren“, ein höchstens fünfjähriges Mädchen. Hier gab es zwar keine interessanten, historischen Gräber, aber einen gleichzeitig geschützten und märchenhaft anmutenden Raum, an dem Kinder mal unkontrolliert von Eltern und Lehrern ihrer Phantasie freien Lauf lassen konnten. Vielleicht spielten sie ja Revolutionär und (ausländischer) Spion? Angesichts des üblichen Lern- und Leistungsdrucks, unter dem chinesische Schulkinder stehen, machte mich der Anblick dieser kleinen Rasselbande wirklich glücklich. 


Dieser Blogeintrag beruht auf dem Kapitel 5 „Sonderfall Märtyrerfriedhof“ in meinem Buch „Letzte Dinge“.

Hier noch ein aktueller Bericht der englischsprachigen Global Times zu Märtyrerfriedhöfen vom 5. April 2021, einfach um die Aktualität und Bedeutung dieser Orte zu unterstreichen: Martyrs‘ graveyards welcome new tourists. Interessant, dass vor allem im Jahr 2020 wegen Corona viele Gedenkaktivitäten ins Internet oder in andere digitale Räume verlegt wurden, ein Trend, der sich sicher fortsetzen wird und ein interessantes Forschungsthema darstellt.

Zur Geschichte der Märtyrerverehrung in der VR China nach 1949 siehe: Hung, Chang-tai: „The Cult of the Red Martyr: Politics of Commemoration in China”, in: Journal of Contemporary History, Vol 43(2) 2008, S. 279–304.


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