Erster Tierfriedhof der Schweiz: Tierfriedhof am Wisenberg

Tierfriedhof Schweiz

Anfang Juli 2021 war ich auf dem Cimetière des chiens in Asnière sur Seine in Paris, dem wahrscheinlich ersten modernen Tierfriedhof in Europa. Bis jetzt warte ich auf die Genehmigung, darüber zu schreiben und Fotos zu veröffentlichen… Auf Nachfrage hieß es kürzlich vom Büro des Bürgermeisters von Asnière: „Soyez assurée qu’il sera traité dans les meilleurs délais. – J’attire cependant votre attention sur le fait que la rapidité actuelle des moyens de transmission électronique peut être incompatible avec le recul et la réflexion que nécessité le traitement d’une demande.“ Gut, ich hoffe, dass die Reflexion irgendwann zu einem Ergebnis kommt, denn ich habe sehr schöne und auch überraschende Bilder von dort.

Im weiteren Verlauf des Sommers hatte ich die Gelegenheit, den ersten Tierfriedhof in der Schweiz – gegründet 2001 – zu besuchen: Der Tierfriedhof am Wisenberg in Läufelfingen liegt etwa 40 Minuten von Basel entfernt. Eigentlich hätte er 2021 seinen 20. Geburtstag feiern sollen / können, aber… Wir wissen, warum die Feier nicht stattfand. Dabei war mein Interesse an genau diesem Friedhof gerade durch die vielen Mitmach-Aktionen geweckt worden, die auf seiner Website angekündigt waren / sind: Gemeinsames Aufräumen im April, Laubfegen im November und das Lichterfest am 2. Advent. Früher gab es wohl auch Weihnachtsfeiern und Gedenkrituale am 24. und 25. Dezember.

Schon im Frühjahr hatte ich die Gründerin des Friedhofs, Marlies Mörgeli kontaktiert, um meinen Besuch anzukündigen. Sie hatte mich gleich zurück gerufen, ganz begeistert, weil „ich mit dem Friedhof so viele Geschichten erlebt habe und selber schon daran gedacht habe, ein Buch zu schreiben“.

Als ich nun Anfang August die Gunst der Stunde (bzw. einen Kurzurlaub im Schwarzwald) nutzte, um nach Läufelfingen zu fahren, hatte ich etwas Pech, denn es regnete ziemlich stark.

Blick über den Tierfriedhof am Wisenberg mit dem Turm der ehemaligen Gipsfabrik

Frau Mörgeli holte mich mit ihren zwei Königspudeln am Bahnhof ab und fuhr mit mir auf den Hügel, an dem der Friedhof liegt. Früher war hier ein Gipswerk – der „Schandfleck“ von Läufelfingen. Vom industriellen Erbe übriggeblieben ist nur ein Turm, der nach Stilllegung des Werks für Feuerlöschübungen hergehalten hatte. Nun ragt er massiv und weiß aus dem üppigen dunklen Sommergrün der Baumkronen. Im Innen bietet er Platz zum Sitzen und dient auch als Raum für die Aufbahrungen und Abschiedszeremonien. Die sind wichtig, wie schon in den Tierfriedhof News von 2010 zu lesen ist: „Viele Menschen sagen uns, dass die Beisetzung ihres Tieres schöner war als jede Beisetzung eines Menschen, die sie erlebt hätten“, schrieb damals Dr. Urs Mörgeli, der inzwischen verstorbene Ehemann der Betreiberin.

Wieso der Tierfriedhof gegründet wurde? Weil 1999 Seppli, der Familienhund des Ehepaars Mörgeli, starb und nicht in die Kadaverfabrik sollte. Eine Freundin sagte: „Weißt du, in Deutschland gibt es Tierfriedhöfe“ und damit war die Idee entstanden. In der Vorbereitungsphase hatte sich das Ehepaar ebenfalls den Cimetière des chiens in Asnière angeschaut, dort war ihnen aber zu viel Stein und zu wenig Grün und Blumen. So sieht man am Wisenberg keine Reihengräber, sondern vielmehr eine gestaltete Parklandschaft ohne gerade Linien mit vielen blühenden Blumen (es ist ja auch Sommer), vor allem Rosen, der Stolz von Frau Mörgeli. Im Gegensatz zu Paris sieht man auch nur vereinzelt Grabmale aus Stein, viele Grabstellen sind mit einfachen Holzscheiben markiert, die Vergänglichkeit symbolisieren. Die Kunden können ihre Grabstellen selbst gestalten oder die Gestaltung und Pflege der Betreiberin überlassen. Manche Gräber sind eingezäunt, das mag Frau Mörgeli zwar nicht so, akzeptiert es aber. Der Tierfriedhof ist ein interkultureller Ort, der zum Beispiel auch von Schweizern mit russischem oder muslimischen Hintergrund genutzt wird, so dass natürlich verschiedene Geschmäcker und Gewohnheiten Einzug halten. Die eine oder andere Gestaltung darf man wohl durchaus auch als kitschig bezeichnen, aber das gehört wohl einfach dazu.

Um den 10. Geburtstag des Friedhofs im Jahr 2011 waren hier schon 1000 Tiere bestattet, darunter Hamster, ein Pony (nicht kremiert!) und ein Hängebauchschwein. 2015 waren es bereits 1500. Im Durchschnitt bringt also etwa alle drei Tage ein Mensch sein verstorbenes Tier hierher. Das zeigt den Bedarf, der offensichtlich seit 20 Jahren stabil ist, und eigentlich wundere ich mich, dass es in einem wohlhabenden Land wie der Schweiz bis heute nur einen zweiten Tierfriedhof gibt, und zwar in Emmenbrücke nördlich von Luzern. Siehe auch (in Französisch): Wenn mein Tier stirbt / Lorsque mon animal meurt.

Besonderheiten

Nahe des Eingangs steht erhöht eine schlichte Hundeskulptur aus hellem Stein. Es ist ein Denkmal für misshandelte Tiere, erschaffen nach einem individuellen Tier, das hier nun stellvertretend an alle Opfer von Tierquälerei erinnert. Ich frage mich, ob es wohl viele Monumente dieser Art gibt.

Denkmal für Jessy und alle anderen Opfer von Tierquälerei

Auf dem Tierfriedhof Wisenberg sind – und dass ist für jemanden aus Deutschland eine Überraschung –, seit 2007 auch einige Menschen bestattet, die eine besondere Beziehung zu diesem Ort haben oder bei ihren tierischen Gefährten sein wollten. Sie sollen allerdings eine Ausnahme bleiben, da es ja ein TIERfriedhof ist, aber in Deutschland wäre das gar nicht möglich, da die Vorschriften zur Behandlung von Urnen und menschlichen Überresten viel strenger sind.

Von den Geschichten, die Frau Mörgeli während meines letztlich doch kurzen Besuchs erzählt, möchte ich hier nur eine aufgreifen: An einem kalten, dämmrigen Winternachmittag kurz vor Weihnachten im Jahr 2007 brachte ein distinguiert gekleidetes Paar aus Zürich seinen toten Schäferhund, Alzira, auf den Tierfriedhof. An dem Tag war einiges schief gelaufen und so wurde Alzira in ein bereits ausgehobenes Grab gelegt, welches eigentlich für einen anderen Hund vorgesehen war. Als Frau Mörgeli den Hund in der Grube platzierte, stimmte sein Besitzer, Operntenor von Beruf, für alle überraschend das Ave Maria von Franz Schubert an, welches in der Dunkelheit durchs ganze Tal hallte. Von der Szene gibt es ein Foto: links die Gattin des Tenors im Pelzmantel auf Tannenzweigen stehend, die ins Grab filmt, rechts der mit erhobenen Händen singende Tenor und am Rand der Grube ein heller Fleck – die Hand von Frau Mörgeli, von der sonst nichts zu sehen ist.

Die Geschichte ist auch in einer Ausgabe der Tierfriedhof News, die Frau Mörgeli mir mitgegeben hat, nachzulesen. Den Vereinsheften entnehme ich außerdem, dass regelmäßig Schulklassen auf den Tierfriedhof kommen um hier über den Tod und den Umgang mit Trauer, aber auch über Pflanzen und Wildtiere zu lernen und dass vor allem an den Sonntagen trauernde Tierbesitzer zu Kaffee und Kuchen kommen, wobei sie den Kuchen oft selbst mitbringen, und dabei Menschen unterschiedlichster Herkunft in spontanen und informellen Zusammentreffen ins Gespräch kommen. Das zeigt ja wieder, das Friedhöfe, egal ob für Tiere oder Menschen, letztlich Orte für die Lebenden sind, um ihre Emotionen zu sortieren und ihren inneren Frieden zu finden.

Christliche Symbole sind am Tierfriedhof am Wisenberg nicht zu sehen, dafür diese Buddhas

Mehr zum Thema Mensch-Haustier-Bestattungen in „Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur„, Ausgabe Nr. 148, I, 2020 – Februar 2020

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