Paris im Juli. Ein Rockstar-Poet und eine Prinzessin

Die Versuchung war zu groß – nach eineinhalb Jahren endlich einmal wieder ins Ausland zu fahren, UND nach 1986 und 2009 einmal wieder Jim Morrison am Platz seiner letzten Ruhe zu besuchen. Und der Père Lachaise ist ja immer eine Reise wert, Paris sowieso.

Am Samstag den 3. Juli (50. Todestag von Jim Morrison) war es schwül und bewölkt. Am frühen Nachmittag kamen wir auf dem Friedhof an und verliefen uns erstmal auf einigen verwunschenen Seitenwegen. Das war Absicht, es sollte ein langsames Eintauchen in die Atmosphäre sein und es gibt ja immer auch so viel zu entdecken. Dieses Mal fielen mir besonders die bunten Porzellanblumenkreationen auf, die viele der steinernen Gräber zierten. Die meisten waren bereits etwas verwittert und abgestoßen, aber die Farben leuchteten auch nach Jahren noch.

Ich hatte mir vorgestellt, dass an Jim Morrisons Grab eine Art Happening stattfinden würde, hatte selber eine kleine Flasche Wein und zwei Gläser dabei. Aber als wir uns dem Ort näherten, war es beinah unheimlich still. Als erstes sah ich zwei Sicherheitsleute in Schwarz von der „Mairie de France“, die das Publikum im Blick hatten. Das Grab liegt ja gewissermaßen etwas ungünstig in der zweiten Reihe hinter einer größeren Familiengruft und ist schon seit Jahren eingezäunt. So drängelten sich die Gäste zwischen den steinernen Gräbermauern und dem Zaun, um Blumen abzulegen oder Fotos zu machen. Sicher wurde das Grab, auf dem Bilder und Blumen abgelegt waren, außerdem eine kitschige Engelsbüste und eine Plastikwindmühle, an diesem Tag einige tausendmal fotografiert. In der Stunde oder so, die ich dort rumhing, passierte eigentlich nichts. Menschen kamen, standen rum, saßen rum, warteten, gingen weiter. Wenige rauchten, ganz wenige tranken Dosenbier, was eigentlich verboten ist. Die Dichterlesungen, die in diesem Videobeitrag von Le Parisien Au Père-Lachaise, des dizaines de fans célèbrent les 50 ans de la mort de Jim Morrison zu sehen sind, habe ich offensichtlich verpasst. Unseren Wein zu Quiche Lorraine tranken wir dann am nahen Rond-Point Casimir Périer, einem großen runden Platz, im Schutz des geparkten Polizeiautos, in dem sich die städtischen Ordnungshüter – zwei Paare wechselten sich ab – jeweils kurz ausruhten. Ein älterer, gesprächiger Franzose ging herum und grüßte uns und andere Besucher. Er suchte die Katzen, denen er Futter mitgebracht hatte, und zeigte mir eine, die sich unter Zweigen versteckt hatte und wachsam die Menschenmengen beobachtete. Zwei Frauen saßen auf dem Bordstein des Rond Point und unterhielten sich über den Event: „Du kommst also jedes Jahr hierher? Sonst ist es bestimmt netter, oder? Plus sympa, plus intime?“

Grab von Jim Morrison am 3. Juli 2021

Nach einer weiteren Runde in einer anderen Ecke des Friedhofs kamen wir am späten Nachmittag noch mal in die Nähe des Rond-Point, angezogen von lautem Gesang. Jetzt hatten sich doch noch ein paar Fans gefunden, die geläufige Zeilen aus Doors-Songs interpretierten und sich dabei überboten, ihre Textkenntnisse und Stimmengewalt zu zeigen. In der Gasse zum Grab waren deutlich mehr Menschen als zuvor und es gab ein oder zwei Profi-Kameras, die diese improvisierten und nicht wirklich gut gelungenen Gesangsdarbietungen dokumentierten. Als wir den Friedhof zur Schließzeit gegen 18 Uhr verliefen, saßen drei Fans draußen auf dem Kopfsteinplaster – oder eigentlich saßen nur die zwei Frauen, die wohl den ganzen Tag und vielleicht sogar die Nacht zuvor an J.M.s Grab verbracht hatten, im Schneidersitz; ein Typ in schwarzem Leder (die Jim Morrison-Reinkarnation? eine Kopie?) lag alle Viere von sich gestreckt total k.o. auf dem Rücken. Die Mädels wirkten deswegen aber nicht besorgt, also war es hoffentlich nur ein vorrübergehender Moment der Erschöpfung.

Nur einen Tag später, am Sonntagabend, trafen wir unverhofft auf ein ganz anderes Idol, als wir vom Musée Guimet die Seine entlang in Richtung Louvre spazierten: eine Prinzessin, die ebenfalls ein frühes Ende fand, und deshalb im kollektiven Gedächtnis auch ewig jung bleiben wird. Am 1. Juli 2021 wäre Diana, Princess of Wales, 60 Jahre geworden, wenn sie nicht am 31. August 1997 in diesem Tunnel an der Seine ums Leben gekommen wäre. Ihre Fans (Verehrer? Verehrerinnen?) haben seitdem um eine Kopie der Flamme der Freiheitsstatue an der Pont d’Alma, die eigentlich die französisch-amerikanische Freundschaft symbolisiert, einen Erinnerungsort geschaffen. Tatsächlich heißt der Platz auch Place de Diana. Um die Flamme waren Bilder, handgeschriebene Texte und Blumen drapiert. Auch Diana ist gewollt oder ungewollt Teil meiner Geschichte. Ihre Hochzeit 1981 wurde stundenlang im Fernsehen übertragen, aber meine Brieffreundin, bei der ich in Süddeutschland zu Besuch war, und ich, wir betrachteten die Show mit ironischer Distanz und fanden das Ganze etwas – kitschig? Lächerlich? Übertrieben? Als sie starb, war ich in England. Erinnern kann ich mich aber nur daran, dass die englische Freundin, mit der ich ein paar Tage auf dem Land verbracht hatte, später erzählte, sie sei am Sonntag nach meiner Abreise in die Kirche gegangen, und habe sich gewundert, wer diese Diana sei, um die so sehr getrauert wurde. Sie hatte keine Zeitung gelesen und keine Nachrichten gesehen.

An diesem Sommerabend am 4. Juli schienen eher nur Passanten an der Flamme inne zu halten, die ebenso zu zufällig hier vorbeigekommen waren, wie wir.

Wer erinnert sich an wen und warum? Geht es um den Verstorbenen oder um uns selbst? Wer wird zum Idol? Zu Jim Morrison kann ich sagen, dass ich die Musik der Doors seit 40 Jahren höre, sie ist einfach cool und hat nichts von ihrer Faszination verloren! Und dass sie gut ist, liegt daran, dass drei phantastische Musiker und ein Dichter/Sänger zu rechten Zeit zusammenkamen und zusammen etwas Neues und Großartiges geschaffen haben, das offensichtlich bis heute viele Menschen berührt.

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