Zufallsfunde am Wiener Zentralfriedhof

Der Zentralfriedhof in Wien ist sicher das Paradies der Friedhofsentdeckerinnen und -Flanierer. Ich hatte im April nach dem Besuch des Tierfriedhofs in Wien – liegt gegenüber vom Haupttor (Tor zwei) – nur eine Stunde Zeit, um mir einen kurzen Gang über den Zentralfriedhof ab dem Haupttor zu gönnen. Für das Bestattungsmuseum ging es sich schon zum zweiten Mal nicht aus, auch nicht für einen kleinen Braunen oder eine Wiener Mélange auf der Terrasse des Cafés ….
Wie mir eine Bekannte zu einigen bei Whatsapp geposteten Bildern schrieb, ist so ein Friedhofsspaziergang wider mal die „reinste Geschichtsstunde“!

Kunst und Künstler

Es begann mit dem „Unbekannten Künstler 2010“ auf der rechten Seite der Kapellenallee, die vom Haupteingang gerade wegführt. Den kleinen schwarzen Sockel zwischen den monumentalen Grabmalen der Familien Kovats und Friedrich Kargel ziert eine sitzende violette Hasenfigur mit einer weißen Babypuppe im Schoß. Das ist aber gar kein Grab, sondern Street Art! Der Künstler ist Herr Mag. Adalbert Wazek, geboren 1968 in Graz. Auch seine Website heißt www.unbekannterkuenstler.at und der Hase mit Puppe ist Teil einer Serie. Scheinbar wechselt der Hase auch mal die Farbe, früher war Bugs Bunny metallfarben.

Kein Grab, sondern Streetart: www.unbekannterkuenstler.at

Um bei den Künstlern zu bleiben: Franz West (1947-2012) war mir vorher auch kein Begriff, dabei „zählt (er) zu den bedeutendsten zeitgenössischen bildenden Künstlern Österreichs“ (Wikipedia), aber mit so einer Grabskulptur erregt man auch nach dem Tod Aufmerksamkeit.

U.a. schuf er (Zitat): „freie, transportable, undefinierbare Formen aus Gips, Papiermaché oder Metall, die als Stützen, Prothesen oder Gewächse an den Körper gelegt werden konnten. So wollte er unter anderem Neurosen verbildlichen: „Ich behaupte, wenn man Neurosen sehen könnte, sähen sie so aus.“

Die Grabskulptur ist die Vegrößerung einer kleineren von Franz West geschaffenen Skulptur. Auf dem Zentralfriedhof liegt Franz West mit seiner Frau, der (ziemlich jung verstorbenen) Künstlerin Tamuna Sirbiladze (1971-2016) aus Tbilisi.

Grabmal des Küntlers Franz West (1947-2012)_ herausragend

Musiker durch die Jahrhunderte

Musiker zu sein erhöht die Wahrscheinlichkeit auf ein monumentales Grabmal und darauf, in Erinnerung zu bleiben. In die kleine Gruppe von Ehrengräbern bzw. Denkmälern zu Ehren berühmter Komponisten stolperte ich, weil sie ständig von Besuchertrauben umgeben sind, die sie fotografieren. Mozart (1756-1791) in der Mitte, darum herum Beethoven (1770-1827), Franz Schubert (1797-1828), Johannes Brahms (1833-1897) und Johann Strauss (1825-1899¸ zusammen mit seiner Gattin Adele). Die Säule für Mozart ist eigentlich ein „Fake“, denn bestattet ist der Komponist am St. Marxer Friedhof, ebenfalls in Wien.

Wie ich bei meinen nachträglichen Recherchen zu den „Zufallsfunden“ feststellte, gibt es z.B. auf der Website http://www.viennatouristguide.at eine umfassende alphabetische Liste aller Ehrengräber. Man könnte also auch ganz gezielt schauen, wen man besuchen möchte (aber das wäre wohl kein Flanieren mehr…). Zu manchen der Grabstellen sind detailreiche hintergrundinformationen hinterlegt: So heißt es zu Johann Strauss: „(Die Fledermaus) und auch die Frauenfigur, welche an dem Felsen lehnt und das Donauweibchen symbolisiert, stehen für die beiden populärsten Schöpfungen des Musikers: „Der Donauwalzer“ und die Operette „Die Fledermaus „.

Nicht zur Gruppe der „großen Komponisten“ gehört Herr Ziehrer. Nur die dezenten Noten und eine Figur mit Harfe weisen daraus hin, dass auch C.M. Ziehrer etwas mit Musik zu tun hat. Wikipedia weiß mehr: Auch Carl Michael Ziehrer (1843-1922) war ein österreichischer Komponist. An seiner Produktivität – er hat rund 600 Tänze und 23 Operetten komponiert – kann es nicht liegen, dass er nicht bei den „Großen“ liegt. 

Die berühmten Komponisten bringen nicht nur Touristen nach Wien und auf den Friedhof. Ein japanischer Bestatter, Nariyasu Mishisma, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens World Musicfan Cemetery AG, hatte vor einigen Jahren die Idee, auf dem Zentralfriedhof eine Gruft zu pachten, um japanischen Musikliebhabern die Möglichkeit zu geben, einen Teil ihrer Asche in der Nähe der von ihnen verehrten Komponisten zu bestatten. Darüber berichtete die „Die Presse“ in ihrer Print-Ausgabe vom 8. September 2014 unter dem Titel „Zentralfriedhof: Eine Gruft nur für Japaner„. Das Mausoleum in den Alten Arkaden, welches Platz für 300 Urnen bietet, steht dem Unternehmen für hundert Jahre zur Verfügung. 2017 waren aber wohl erst vier Plätze reserviert und noch keiner belegt. Vielleicht liegt es an den Kosten von mindestens 20.000 Euro. (In einem Artikel der New York Times vom 17. April 2019 heißt es, dass die Kosten 27.000, 45.000 oder 90.000 UDS betragen).

Der Club der Komponisten bekommt viel Besuch

Einer späteren Generation gehört der ungarischstämmige Komponist György Sándor Ligeti (1923-2006) an. Seine Grabstelle ist Teil einer anderen Ehrengrabgruppe. Es wundert mich etwas, dass er in der Liste der bereits erwähnten Website nur als „Georg Alexander“ geführt ist, wo doch auf dem Grabmal selbst György steht (die ungarische Form von Georg, was in Österreich bekannt sein dürfte). Auch zu Gabor (rechts unten auf dem Grabmal) fehlt ein Hinweis. Gabor ist der jüngere Bruder György Sandors, er kam im März 1945 im Alter von 17 Jahren im KZ Mauthausen ums Leben.

György Sándor Ligeti (1923-2006) und sein Bruder Gabor (1928-1945)

Und dann noch ein ganz anderes „Kaliber“: Udo Jürgens (1934 – 2014) war zwar Teil der Medienwelt meiner Jugend und ist ein Symbol der deutschsprachigen Unterhaltungskulturgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, aber mit seinen Schnulzen für Rentnerinnen und Butterfahrten definitiv keiner meiner „Stars“. Ich wusste gar nicht, dass er – Sohn deutscher Eltern – Österreicher war. Gestorben ist er allerdings in der Schweiz. Der weiße Flügel aus Marmor soll sechs Tonnen wiegen. Die fehlen jetzt irgednwo an einem Berg und wachsen nicht nach.

Udo Jürgens (1934 – 2014): sechs Tonnen Marmor

Familie Wittgenstein

Dann traf ich noch auf Familie Wittgenstein. Ich vermisste Ludwig, den Philosophen, aber der liegt in Cambridge, wo er studiert hat und 1939 Professor wurde. In Wien haben laut Inschrift nur seine Eltern, seine Schwester Hermine und ein Bruder, Rudolf, ihre (letzte) Ruhe gefunden, im geschützten Raum eines sandsteinfarbenen Pavillons ohne Dach. Rudolf wurde keine dreiundzwanzig Jahre, er hat sich, wie auch zwei weitere Brüder Ludwigs, das Leben genommen, bevor die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts eintraten.

Ludwig Wittgenstein, Philosoph, (1889-1951). Karikatur: Lao Du

Von der Kunst zur Technik

Ing. Alois Negrelli, Ritter von Modelbe (1799-1858),
erster Sachverständiger in Verkehrsfragen und Planer des Suez-Kanals

Zu dieser monumentalen Skulptur habe ich keinen Namen und keine Worte.

Zum Abschluss

Vor diesem Grabstein von Herrn Zheng (1933-2006), geboren in China, gestorben in Österreich, steht ein als Seerose verkleideter Lautsprecher, der buddhistische Sutren abspielt. Man ist etwas irritert, wenn man sich dem Ort nähert und Stimmen hört, ohne jemanden zu sehen. Das habe ich auch in der VR China bisher erst zwei- drei mal gesehen bzw. gehört, außerdem auf einem Tiergrab auf dem Tierfriedhof in Stockholm (ebenfalls im April 2022).

Dr. Nicoale Giurumescu wünscht uns Frieden, Mitgefühl und Würde in Rumänisch und Englisch.

Beim nächsten Besuch brauche ich unbedingt mehr Zeit! Der Wiener Zentralfriedhof soll ein Wegenetz von insgesamt 80 Kilometern haben, um alles stressfrei abzulaufen, müsste man also gut fünf Tage rechnen. Es werden auch Fiakerfahrten angeboten (30 Minuten 60,– Euro, eine Stunde 120 Euro) und alternativ bietet der Zentralfriedhof auch E-Bikes zum Erkunden an. Sehr innovativ, aber es handelt sich ja auch um eine Touristenattraktion.  

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